Wenn Kinder beim Abholen weinen-über das Bindungssystem

Ich habe es schon so viele Male in meiner Berufslaufbahn erlebt: Die Kinder spielen fröhlich in der Kindergruppe bis zu dem Moment in dem sie am (Nach)Mittag Mutter oder Vater erblicken, die zum Abholen gekommen sind. Die Eltern sind dann nicht selten verunsichert und fragen sich, was los ist. Bei manchen Kindern scheint es geradezu ein kleines Ritual zu sein, beim Abholen in Tränen auszubrechen.

Weinen aktiviert das Bindungssystem

Im ersten Lebensjahr entwickelt das Kind eine emotionale Bindung zu seinen Bezugspersonen. Als Baby erlebt es, dass seine Bedürfnisse erfüllt werden, wenn es durch Weinen darauf aufmerksam macht. Weinen ist also erstmal eine Kommunikationsform und dass das Kind weint ist in erster Linie positiv.

Wenn das Baby weint aktiviert es das sogenannte Bindungssystem der Bezugsperson, die sich dann veranlasst fühlt sich um das Baby zu kümmern. Dieses sogenannte Bindungssystem besteht auch weiterhin, wenn dem Kind schon weitere Kommunikationsformen zur Verfügung stehen.

Ein Tag im Kindergarten ist anstrengend

Ein Tag im Kindergarten bedeutet für Kinder immer eine große Anpassungsleistung. Auch wenn das Kind gut eingewöhnt wurde, ist die „emotionale Versorgung“ in einer Kindergruppe eine andere, als zu Hause. Zusätzlich müssen Kinder sich mit anderen Kindern auseinandersezten. Ein Spielzeug zu verteidigen, Spielsituationen zu verhandeln, frustrierende Momente aushalten und sich selbst regulieren, all das kostet viel Kraft.

Mama oder Papa zu erblicken kann dann einfach den großen Wunsch hervorrufen gehalten und behütet zu werden. Und was liegt da näher als auf ein altbewärtes Muster, nämlich das Weinen zurückzugreifen.

Eltern reagieren prompt

Wenn Kinder beim Abholen in Tränen ausbrechen, reagieren, die meisten Eltern ohne zu zögern und nehmen ihr Kind auf den Arm und trösten durch Zuwendung. In der Regel ist dies dann auch schon ausreichend und einen kurzen Augenblick später kann das Kind sich schon wieder fröhlich und frei bewegen.

Manchmal reagieren Eltern aber auch sehr besorgt. Sie werden dann das Gefühl nicht los, dass es dem Kind vielleicht nicht gut geht und suchen nach dem Grund für das plötzliche Weinen des Kindes. Löst sich die (unbegründete) Sorge der Eltern über einen längeren Zeitraum nicht auf, kann das wiederum aber auch zur Verunsicherung des Kindes führen. Das Kind aktivert das Bindungssystem der Bezugsperson schließlich um Kraft und Zuversicht gespendet zu bekommen.

Führt das Weinen aber dazu, dass die Eltern dauerhaft besorgt sind kann ein Teufelskreis entstehen, denn die besorgte Haltung der Eltern wiederum führt zu stärkerem und länger anhaltendem Weinen. Die Eltern können das Bedürfnis des Kindes nach Sicherheit nicht erfüllen, da sie durch das Weinen selbst verunsichert sind.

Erste Hilfe in der Abholkrise

Wenn dein Kind beim Abholen oft weint kann es helfen, wenn du dir ein paar Dinge klar machst:

  • Wie geht es dir selbst? Hattest du selbst einen anstrengenden Tag oder bist du im Stress, weil noch so viel zu erledigen ist? Umso entspannter und freier du selbst in die Abholsituation gehst, umso besser kannst du für dein Kind da sein.
  • Unklarheiten mit der/dem ErzieherIn abklären. Wenn du dir nicht sicher bist, ob es deinem Kind in der Gruppe gut geht, frage nach. Vielleicht ist es auch sinnvoll um ein ausführliches Gespräch zu bitten, im dem dir die Bezugsperson deines Kindes Einblicke in den Gruppenalltag geben kann.
  • Gestalte die Abholsituation verlässlich und zügig. Nach einem anstrengenden Tag in der Kindergruppe ist es notwendig, dass du die Sache in die Hand nimmst. Viele Fragen und Optionen überfordern dein Kind. In ganz akuten Situationen kann das auch bedeuten, dass ein „Ende mit Schrecken besser ist, als ein Schrecken ohne Ende“: Lieber einmal ohne Jacke den Kindergarten verlassen, als ewig lange Diskussionen in der Garderobe mit den entsprechenden Ablenkungen.

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