Wenn Kinder ängstlich sind | Ängste entwicklungsfördernd begleiten

Das Gefühl der Angst ist in einer leistungsorientierten Gesellschaft, wie der unseren ein eher negativ besetzter Begriff. In der Umgangssprache findet sich wenig Wertschätzendes zur Angst. Stattdessen nehmen wir sie als etwas Hemmendes wahr, das uns davon abhält selbstbewusst auf unsere Ziele zuzugehen und unsere Wünsche in die Tat umzusetzen. In diesem Artikel möchte ich mich der Angst daher einmal ausführlicher widmen, sie genauer betrachten und vielleicht auch eine Lanze für sie brechen. Zum Wohl unserer Kinder nämlich macht es Sinn, wenn wir unsere eigene Angst kennen (lernen) und einen konstruktiven Umgang mit ihr finden.  Denn unsere Kinder können wir nur begleiten, wenn wir uns im Bezug auf unsere Emotionen sicher fühlen.

Entwicklungsängste

Kinder durchlaufen im Laufe der Kindheit verschiedene Stadien bzw. Formen von Angst, die sich am Lebensalter und somit an kognitiver und psychologischer Reife orientieren. Diese sogenannten Entwicklungsängste werden in der Literatur je nach Autor etwas unterschiedlich zusammengefasst und gegliedert. Ich möchte hier auf drei bestimmte Entwicklungsängste etwas genauer eingehen, da sie mir als sehr zentral im Hinblick auf die Eltern-Kind-Interaktion erscheinen:

  • Trennungsangst

Im Laufe des ersten Lebensjahres entwickelt das Baby eine Bindung zu der ihm am nächstenstehenden Bezugspersonen. Etwa im Alter von 8 Monaten beginnen kleine Kinder mit Angst auf die Trennung von der Bindungsperson zu reagieren. Kinder beginnen dann häufig heftig zu weinen und lassen sich nur schwer oder gar nicht von einer anderen Person trösten. Das Weinen aktiviert das Bindungssystem der Bindungsperson (z.B. der Mutter oder des Vaters), die sich dadurch veranlasst sieht das Kind hochzunehmen und zu trösten und somit zu signalisieren: „Ich bin für dich da“.

  • Magische Angst/ Fantasieangst

Im Alter zwischen 2 und 5 Jahren spielen Kinder ausgesprochen fantasievoll. Alles ist möglich und in Gedanken gibt es keine Grenzen. In diese Phase fällt auch die ausgeprägte Angst vor Hexen, Monstern unterm Bett oder auch Dunkelheit. Diese Ängste fallen in eine Lebensphase, in der Kinder immer mehr selbst können, ihnen aber auch immer mehr bewusst wird, wo ihre persönlichen Grenzen liegen.

  • Realangst

Die Realangst beschreibt die Angst vor realen und tatsächlich gefährlichen oder furchteinflößenden Aspekten des Lebens. Bis zu einem bestimmten Alter werden Dinge, wie Krieg, Gewaltverbrechen oder potenziellen Atomkatastrophen von dem Kind ferngehalten. Mit fortschreitendem, kognitiven Reifegrad jedoch nimmt das Kind am Diskurs der Erwachsenen teil. Daraus entstehen kindliche Ängste vor realistische Gefahren, die etwa ab einem Alter von 8-10 Jahren als solche wahrgenommen werden.

Es ist also ganz normal und gehört zu kindlichen Entwicklung, dass Kinder ängstlich reagieren. Entscheidend ist, dass sich Entwicklungsängste im Laufe der Kindheit verändern.

Fight or flight | Wenn der Körper auf’s Gaspedal tritt

Auf eine Situation mit Angst zu reagieren ist evolutionsbiologisch begründet eine sehr nützliche, um nicht zu sagen lebenswichtige Fähigkeit. Denn bevor es sich die Menschen in festen Häusern am warmen Ofen gemütlich gemacht haben, waren sie häufig Situationen ausgesetzt in denen sie sehr schnell entscheiden mussten, ob sie ums Überleben kämpfen oder um ihr Leben rennen. Diese beiden Handlungsmuster sind auch bekannt unter dem Begriff „fight or flight“.

Damit unsere Vorfahren in diesen Situationen ihre bestmögliche Performance abliefern konnten, hat sich die Evolution u.a. die Angst und all ihre Begleiterscheinungen ausgedacht. Physiologisch gesehen ist es so, dass wir, wenn wir Angst empfinden tatsächlich messbare Veränderungen an uns beobachten können. Um das zu verstehen ist es hilfreich zu wissen, wie es uns Menschen überhaupt möglich wird, auf äußere Reize mit Empfindungen zu reagieren:

Zur Reizverarbeitung in unserem Körper sind alle Nerven in verschiedene Systeme aufgeteilt, die unterschiedliche Aufgaben übernehmen. Einer dieser Teile ist das vegetative Nervensystem (VNS). Über das VNS werden hauptsächlich lebenswichtige Funktionen wie Atmung, Herzschlag, Verdauung und Stoffwechsel koordiniert und gesteuert. Hierfür teilt sich das VNS dann wiederum in das sympathische und parasympathische Nervensystem auf, wodurch über die jeweiligen Nervenbahnen unterschiedliche Signale gesendet werden: Die Signale des Parasympathikus haben hauptsächlich eine erholungsfördernde Wirkung während die sympathischen Signale der Leistungssteigerung dienen.

In Stresssituation (z.B. bei starker Ansgtempfindung) wirkt sich die Aktivierung des Sympathikus folgendermaßen auf den Körper aus:

  • geschärfter Seh-und Hörsinn
  • erhöhter Herzschlag
  • erhöhte Muskelspannung
  • erhöhter Blutdruck
  • erhöhte Aufmerksamkeitsbereitschaft

Angst ist also grundsätzlich eine nützliche Reaktion auf eine gefährliche Situation!

Der Sympathikus steuert (1)Kindliche Ängste achtsam begleiten

In welcher Entwicklungsphase auch immer Kinder nun mit Angst reagieren, stellt sich für die Erwachsenen die Frage, wie man die Angst sinnvoll und entwicklungsfördernd begleiten kann. Wichtig ist erstmal, wie bei jedem anderen Gefühl auch, die Angst als eine Emotion anzuerkennen, die da ist und auch da sein darf: Über die Herausforderung Gefühle achtsam zu begleiten, findest du hier weitere Informationen

Da Angst bisweilen eine sehr intensive Empfindung sein kann, ist es manchmal gar nicht so einfach ein Kind dabei zu begleiten. Wir möchten gerne, dass die Angst beim Kind möglichst schnell nachlässt, was dazu führt, dass wir dazu tendieren in eines von zwei Extremen zu verfallen:

Der Sympathikus steuert (2)

Nicht selten gibt es auch die Aufteilung, dass ein Elternteil die vermeidende Haltung einnimmt während der Andere (als Ausgleich) die konfrontatorische Haltung wählt. Wenn du dieses Muster bei dir selbst erkennst kannst du dich fragen:

  • Wie bin ich als Kind selbst begleitet worden?
  • Durfte ich ängstlich sein?
  • Wie hat mein Umfeld darauf reagiert, wenn ich Angst hatte?
  • Wenn du ein Mann bist, gab es Kommentare wie: Jungs sind mutig und haben keine Angst?
  • wie sind deine Eltern selbst mit Angst umgegangen und wie habe ich Angst bei ihnen erlebt?

Das Hauptproblem mit den beiden oben erwähnten, extremen Elternpositionen ist, dass sie sich auf die Handlungsmuster und das emotionale Erleben der Eltern beziehen und dem Kind keinerlei Raum lassen, sich mit seinen eigenen Gefühlen bekannt zu machen und auseinander zu setzen. Das Kind wird stattdessen versuchen, es entweder den Eltern recht zu machen oder in die Verweigerung gehen und rebellieren. Unterm Strich können dabei alle nur verlieren und Konflikte sind vorprogrammiert.

Im Folgenden findet ihr 3 Maßnahmen, die dem Kind helfen sich selbst zu regulieren und aus dem Erregungsniveau des Angstgefühls (Aktivierung des Sympathikus)  wieder zu einem entspannteren Gefühlszustand (Aktivierung des Parasympathikus) zurückzufinden.

Wege aus der Angst_

Schütze dein Kind nicht vor dem Leben | Wenn Eltern Ängste haben

Kinder sind von Natur aus, auf Gemeinschaft unterschiedlichen Alters angelegt. Babys und kleine Kinder sind völlig schutzlos und sind über Jahre auf den Schutz und die Unterstützung der Gemeinschaft angewiesen.

Die Lebensrealität von Familien jedoch, hat sich in den letzten Jahrzehnten rasant und radikal verändert. Heutige Eltern sehen sich mit einer Vielzahl von Herausforderungen konfrontiert, die ihre Vorfahren gar nicht kannten und für die es noch gar kein gesellschaftlich überliefertes Konzept gibt. Dazu zählen:

  • Medienflut und daraus resultierend eine überrreizte Gesellschaft

  • Daueranspannung, Leistungsdruck

  • Kleinfamiliäre Familienstruktur

  • Kinderbetreuung als familiäre Ergänzung

  • Überinformation

  • fehlende Gemeinschaft (kein natürliches Korrektiv)

Durch diese neue Lebenssituation geraten Eltern nicht selten in einen Alarmmodus aus dem sie sich nicht alleine befreien können. Denn dazu bräuchte es die Geborgenheit der Gemeinschaft: Eine starke Schulter zum anlehnen, jemanden der einfach da ist und sich (auch) kümmert…

Hinzu kommt, dass sehr viele von uns selbst nicht angemessen begleitet wurden ihre eigenen Gefühle wahrzunehmen und zu integrieren, also sie zu einem natürlichen und funktionalen Teil von uns werden zu lassen. Viele von uns haben daher kein inneres Konzept, wie sie mit starken Emotionen angemessen umgehen können. Stattdessen haben wir gelernt Gefühle wegzudrücken und zu funktionieren. Klappt das nicht, müssen wir in eine Vermeidungshaltung gehen.Wege aus der Angst_ (2)

Erfahrungsgemäß klappt das Vermeiden solange, bis man Kinder hat. Denn im Zusammenleben mit Kindern wird das Wegdrücken oder Vermeiden von Ängsten und angstauslösenden Situationen plötzlich schwierig. Dann kann es sein, dass das Verhalten oder auch die Angst des Kindes unsere eigenen Ängste triggert. Um diese eigene Angst nicht spüren zu müssen, soll uns das Kind möglichst nicht damit konfrontieren. Stattdessen suchen wir Zerstreuung in Aktivität und Medienkonsum oder agieren Unsicherheit durch den Wunsch Kontrolle zu übernehmen aus.

Über-protektives, also über-behütendes Verhalten sind die Folge. Der Wunsch das eigene Kind (zu) sehr zu behüten ist ein mittlerweile in unserer Gesellschaft sehr verbreitetes Phänomen. So verbreitet, dass es für diese Eltern sogar schon einen eigenen Begriff gibt:

Die sogenannten Helikoptern Eltern

Zwei wesentliche Probleme sehe ich beim ängstlichen Überbehüten von Kindern:

Zum einen neigen überprotektive Eltern dazu ihre Kinder von natürlichen Entwicklungsschritten abzuhalten. Anstatt z.B. ihr Kind klettern zu lassen, schreiten überängstliche Eltern ein und unterbinden aktiv das Explorationsverhalten des Kindes, aus Angst, dass „etwas“ passieren könnte . Dadurch verhindern sie, dass das Kind durch selbstwirksames Verhalten wie Klettern, die Möglichkeit bekommt Selbstvertrauen zu entwickeln und seine motorischen Fähigkeiten zu schulen. Stattdessen nimmt sich das Kind aus Rücksicht auf die ängstlichen Eltern zurück und wird im schlimmsten Fall nachhaltig in seiner motorischen, sozialen und emotionalen Entwicklung gehemmt.

Zum anderen haben Kinder ein feines Gespür dafür, wenn wir überfordert sind. Systemisch gesehen, nehmen sie dann intuitiv einen Platz im Familiengefüge ein, der die Eltern möglichst wenig belastet. Dadurch werden die Kinder unbewusst zu den „Kümmerern“. Es ist nicht mehr klar geregelt, wer sich um wen kümmert. Das schafft Unsicherheit und kann weitere Ängste auslösen oder bestehende verstärken oder manifestieren. Im weiteren Verlauf kann es auch zu einer paradoxen, also gegensätzlichen Reaktion des Kindes kommen. Verweigerung und Rebellion könnten die Eltern-Kind-Beziehung dann dauerhaft belasten.

Geborgenheit- der Stoff aus dem die Zukunft ist

Wenn bei Kindern Ängste auftauchen, dann ist das immer auch die Frage an uns, ob wir emotional zu Verfügung stehen. Können wir emotional in Resonanz gehen? Oder brauchen wir selbst vielleicht Unterstützung?

Wege aus der Angst_ (1)

Es macht Sinn, dem Menschenkind auf seineBindungsanfrage immer mit Geborgenheit zu antworten. Geborgenheit, also das Gefühl angenommen und geliebt zu sein, ist der Nährboden für wohltuende Gefühle und die Fähigkeit eine Lust aufs Leben zu entwickeln bzw. diese ein Leben lang zu erhalten.

Wenn es dir gelingt im Zusammensein mit deinem Kind möglichst oft innerlich zu entspannen, dann ist diese innere Ruhe ein Entwicklungsgeschenk an dein Kind. Es kann sich mit der Ruhe in dir verbinden und lernen, dass das der gesunde Bereich ist, in den der Körper nach einem erhöhten Erregungsniveau wie wir es erleben, wenn wir Angst empfinden, zurückkehren möchte. Kinder, die diese Möglichkeit des „Runterfahrens“ , also der Aktivierung des Parasympathikus, nicht oder nur sehr selten oder unregelmäßig angeboten bekommen, verharren leicht in einem Zustand des erhöhten Erregungsniveaus. Emotionale Unausgeglichenheit und motorische Unruhe können die Folge sein.

Nochmal zur Erinnerung:

  • Angst darf sein: annehmen und zulassen
  • sich das Gefühl bewusst zu machen, schwächt die Angst
  • Folgen, die das Kind befürchtet realistisch und ehrlich besprechen
  • gemeinsam einen Notfallplan entwerfen: Was kannst du/ was können wir gemeinsam dagegen tun?

Zum weiterlesen:

Ich werde nicht müde, immer wieder darauf hinzuweisen, wie wichtig es ist, dass wir die Verantwortung für unsere eigenen Gefühle übernehmen. Gerade im Bezug auf das Thema Ängste ist dies von besonderer Bedeutung.

Traumatische Erfahrungen, die wir in der Kindheit gemacht haben, können unser emotionales Erleben als Erwachsene maßgeblich beeinflussen.

Manche von uns haben als Kinder selbst nicht genug Begleitung und achtsame Aufmerksamkeit bekommen. Wenn du mehr über emotional nicht-erreichbare Eltern lesen möchtest, findest du hier noch mehr Informationen.

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