Weniger ist mehr | Warum es gut ist, wenn wir an unseren Kindern sparen

bindungsorientierte Erziehung

Wir leben in einer Überflussgesellschaft. Unsere Kinder sind die ersten, die lernen müssen, wie sie ihr Leben wieder minimieren, weil sie sonst in all dem Kram und unter all den Möglichkeiten ersticken würden. Die heutige Elterngeneration wiederum ist also als erste mit einer Aufgabe konfrontiert, für die es auf unserem Planeten keine Vorbilder gibt. Denn über Generationen hinweg war das Ziel vieler Eltern, dass es ihren Kindern einmal besser geht. Damit verband man die Vorstellung von mehr Wohlstand und materiellem Besitz genauso, wie Wahlfreiheit, Meinungsfreiheit oder das Recht auf Bildung. Jetzt haben wir all das, es kann uns nicht mehr besser gehen. Wir haben alles, was wir brauchen und noch so viel mehr.

Aber wir haben auch mehr Angst

Paradoxerweise scheint es so zu sein, dass mit all dem Wohlstand und der Sicherung unserer Grundrechte auch der Druck und die Angst steigt. Wir müssen nichts mehr, aber wir können alles. Und wir sind auch für alles selbst verantwortlich. Vermutlich gab es noch nie zuvor eine ängstlichere Elterngeneration, als die unsere!? Vielleicht ist es die Angst vor Verlust, vielleicht die Angst vor Verantwortung und/oder vor dem Versagen? Vielleicht sind wir selbst auch einfach nur schlecht vorbereitet worden auf unser Leben als Erwachsene in der heutigen Zeit. Denn wer hätte denn in den 70er und 80er Jahren ahnen können, wie das Leben in 2018 aussehen wird? Der technische Fortschritt ist so dermaßen schnell voran geschritten, dass Erziehungsmuster keine Chance hatten sich anzupassen. Auch wir jetzt haben keine Chance vorauszusehen, wie die Welt aussehen wird, in der unsere Kinder als junge Erwachsene leben werden. Wir haben schlichtweg keine Möglichkeit sie auf die Zukunft vorzubereiten, weil es naiv wäre zu denken, dass wir wüssten wie diese Zukunft aussähe.

Und dennoch haben wir die Chance es gut zu machen

Allerdings glaube ich, dass unsere heutige Zeit uns wirklich großartige Chancen bietet. Wir müssen nur verstehen, dass „höher, schneller, weiter“ nicht das Ziel für unsere Kinder sein kann. Dieses Denken hat uns hier hin geführt, aber es  ist auch an der Zeit dieses Denken zu überkommen. Wir müssen unseren Kindern den Boden unter den Füßen zurückgeben, wir müssen ihnen die Möglichkeit geben, sich zu spüren, sich selbst kennen zulernen und aus sich heraus Ideen zu entwickeln, wie sie ihr eigenes Leben gestalten wollen.

Ironischerweise sind die Dinge im Leben, die unsere Intuition stärken kostenlos und können nicht durch eine Industrie hergestellt und verkauft werden. Deshalb ist es wichtig, dass wir an unseren Kindern sparen, da wir ihnen dadurch etwas wirklich Gutes tun:

Hilf deinem Kind, seinen inneren Schatz zu heben

Begegne deinem Kind mit echtem Interesse an seiner Person. Es bringt etwas mit in die Welt, das einzigartig ist: Seine Persönlichkeit. Anstatt diese zu verziehen und passend zu machen für eine Gesellschaft, die dramatisch im Wandel ist, hilf deinem Kind seiner Intuition zu vertrauen und das Leben auf seine eigene Art und Weise zu meistern. Lass die Vorstellung los, dein Kind für irgendetwas passend machen zu müssen und reduziere stattdessen die gesellschaftlichen Ansprüche, die du unbewusst an dein Kind stellst.

5 magische Dinge,

die kostenlos bzw. preisgünstig sind und die du deinem Kind unbedingt bieten solltest:

Naturerfahrung

Wir kommen aus der Natur und deshalb sind lebendige Naturerfahrungen wichtig für eine gesunde emotionale Entwicklung. Doch die Natur wirkt auf uns heute auch gefährlich und unberechenbar. In den vergangenen Jahrzehnten haben wir uns stark von der Natur entfremdet. Deshalb ist es wichtig, dass wir regelmäßig naturnahe Orte aufsuchen, in denen sich unsere Kinder in absichtsloses Spiel versenken und anderen Lebewesen und dadurch sich selbst begegnen können. Sich in der Natur zu bewegen hat etwas meditatives und beruhigendes. Kinder brauchen das!

Zeug zum Spielen anstatt Spielzeug

Spielzeug wird von einer Industrie erfunden, hergestellt und vermarktet, die auf maximalen, finanziellen Gewinn aus ist. Die Bedürfnisse von Kindern, also ihrer Zielgruppe spielen dabei keine Rolle. In den Augen dieser Industrie ist gut, was sich gut verkauft. Damit wir diese Dinge (die wir nicht brauchen) kaufen, beschäftigt sich ein gesamter Berufsstand mit den psychologischen Strategien, wie man Bedürfnisse weckt und Menschen dazu bringt, dieses Spielzeug zu kaufen. Als Eltern müssen wir uns bewusst sein, dass Kinder häufig Dinge wollen, weil sie durch Werbung oder Vorbilder darauf geprägt wurden und nicht etwa, weil es ihnen gut tut damit zu spielen.

Dabei ist es so, dass Kinder über Fantasie verfügen und gar kein Spielzeug und schon gar nicht Merchandise-Produkte benötigen, um stundenlang zu spielen. Spiel ist eine Ausdrucksform, Kinder spielen, um zu lernen und um ihre Eindrücke zu verarbeiten, deshalb brauchen sie Zeug zum Spielen, das ihrer ausufernden Fantasie gerecht wird. Das sind in der Regel Dinge, die reizarm sind und keinen Selbstzweck haben. Actionfiguren z.B. senden Impulse an das Kind und eignen sich daher nur bedingt, um innere Impulse über das Spiel nach Außen zu transportieren. Um innere Ruhe zu finden, müssen wir Kindern die Möglichkeit geben Kanäle zu finden. Zeug zum Spielen regt die Fantasie an und über abwechlungsreiches, fantasievolles Spiel wiederum beruhigt sich die Innenwelt des Kindes.

Zeug zum Spielen kann z.B. sein:

  • Bau- und Konstruktionsmaterial
  • Naturmaterialien
  • Haushaltsgegenstände
  • Bastelmaterial
  • Verkleidungssachen

Kleidung ohne Botschaft

Kleidung ohne Botschaft? Was soll das denn sein, fragst du dich vielleicht. Bei Kinderkleidung ist es ähnlich wie beim Spielzeug. Dahinter steht eine nach Gewinn strebende Industrie! Botschaften, die wir über Kleidung transportieren können vielfältig sein:

  • Mädchen sind hübsch, süß
  • Mach dich nicht schmutzig
  • Superhelden sind super
  • Das braucht man, um dazu zu gehören
  • So sind Mädchen, so sind Jungs
  • Jungs sind stark/ wild
  • Du bist wie ich

Diese Botschaften transportieren wir unterbewusst und die einzelne Botschaft an sich ist nicht verwerflich. Allerdings finde ich es wichtig darauf zu achten, welche Botschaften wir senden (wollen). Und Kleidung sollte nach Möglichkeit wertfrei sein, also ohne auffällige Aufschriften, ohne auffälliges Design, kind- und funktionsgerecht, also nicht einengend, dafür schmutzabweisend und robust. Unsere Kinder werden durch Mode schnell zu Objekten, welche dann Wertvorstellungen oder schlicht Werbung umhertragen.

Bewegung an der frischen Luft

Bewegung, Bewegung, Bewegung! Ich kann es ja gar nicht oft genug sagen: Die meisten Kinder leiden an Bewegungsmangel. Kinder sind kleine Energiepakete, die sich austoben und weiterentwickeln wollen und müssen. Außerdem müssen Kinder unbedingt ihre persönlichen (Leistungs-)Grenzen kennen lernen können. Einmal in der Woche Turnen in der Turnhalle und ansonsten im Auto rumgefahren werden reicht da nicht! Bewegung muss täglich, vielfältig und an der frischen Luft sein. Denn Kinder werden unzufrieden und ängstlich, wenn wir ihnen das vorenthalten. Daher ist es notwendig, dass wir einen Alltag gestalten, in dem Bewegung normal ist: Zu Fuß gehen, Fahrrad und Laufrad fahren, schwere Sachen tragen, Treppen laufen…Wichtig, wichtig, wichtig!

Einen emotionalen Rahmen

Unsere Gefühle sind wie ein Kompass, der uns im Leben unseren Weg weist. Daher ist es unbedingt nötig, dass wir unsere Kinder begleiten, ihre Gefühle kennen- und selbstständig regulieren zu lernen. Und dafür brauchen sie uns unmittelbar. Umso kleiner Kinder sind, umso wichtiger ist es, dass wir ihnen die Möglichkeit geben sich mit unserem Nervensystem zu verbinden. Durch Körperkontakt übernimmt der kindliche Körper die Ruhe und Anspannung vom Erwachsenenkörper. Babys können sich ohne Körperkontakt gar nicht selbst beruhigen. Wenn Kinder aber immer wieder die Erfahrung gemacht haben mit ihren Gefühlen angenommen und unterstützt zu werden, lernen sie durchaus im Laufe der Zeit ihre Gefühle immer besser selbst zu regulieren. Diese Fähigkeit beruht auf dem sogenannten „inneren Arbeitsmodell“, welches sich in der frühen Kindheit aufgebaut und entwickelt. Im Idealfall geschieht das durch einen wertschätzenden, zugewandten und zärtlichen Austausch zwischen Eltern und Kind. Achtsam und angemessen auf die Bedürfnisse deines Kindes zu reagieren zeigt deinem Kind: Du bist wertvoll, du bist wichtig! Und dein Kind verinnerlicht dadurch in seinen ersten Lebensjahren die wichtige Botschaft: Ich bin wertvoll! Und das ist dann die Grundlage dafür als Erwachsener freundlich und liebevoll für sich und andere sorgen zu wollen und es auch zu können.

Wenn du deinem Kind ein Leben mit diesen 5 Dingen ermöglichst, dann ermöglichst du ihm, seine eigene Persönlichkeit zu erforschen und auszubilden und stärkst es so für ein eigenständiges und erfülltes Leben und zwar unabhängig von den jeweiligen Bedingungen. Kinder stark zu machen, bedeutet den Mut aufzubringen eigene Entscheidungen zu treffen. Es geht nicht um Regeln oder Dogmen, es geht um das Annehmen von dem was ist und das Gestalten des eigenen Raumes. Tu das jetzt für dein Kind, dann kann dein Kind es später für sich selbst tun!

EDIT: Eine Tag nach der Veröffentlichung dieses Artikels haben wir in Deutschland den „Tag der Erschöpfung“ 2018 erreicht. Die TAZ schreibt dazu:

„(…) Denn am 2. Mai sind rechnerisch die natürlichen Kapazitäten aufgebraucht, die den 82 Millionen Deutschen zur Verfügung stünden, wenn es gerecht zuginge (…)

Der „Erschöpfungstag“ (Global Overshoot Day) für die Erde wird im August erwartet. Mit dieser Nutzung leben die Menschen in den Industrienationen „auf Kosten kommender Generationen und der Menschen im globalen Süden, die deutlich weniger verbrauchen, aber stärker von den ökologischen Folgen betroffen sind“, heißt es von Germanwatch.(…)“

 

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