Über emotional versehrte Eltern und Kontaktabbruch

In den vergangenen Jahren konnte ich im Bekanntenkreis immer wieder ein Phänomen beobachten: Erwachsene „Kinder“ denken über Kontaktabbruch zu den eigenen Eltern nach. Sätze wie: „Ohne meine Mutter geht es mir einfach besser“ oder „ich habe alles versucht“ sind Ausdruck von großer Verzweiflung. Nicht selten steht zudem noch der Vorwurf der Undankbarkeit seitens der Kinder gegenüber den Eltern im Raum. Beide Parteien finden einfach nicht zueinander.

Emotionale Unerreichbarkeit

„Emotionally unavailable“ nennt man den Zustand, in dem eine Person nicht in der Lage ist, angemessen auf die Gefühle einer anderen Person zu reagieren. In diesem Fall können die Eltern nicht wahrnehmen, was ihre erwachsenen Kinder fühlen und weshalb sie mitunter keinen anderen Ausweg sehen, als den Kontakt zumindest zu unterbrechen und so wenigstens für sich selbst emotional zu sorgen. Sie reagieren auf das Leid ihrer Kinder dann häufig mit Unverständnis oder gar Vorwürfen.

Eltern, die emotional nicht erreichbar sind, können das Leid ihrer Kinder schlicht nicht erkennen. Die Teile, die im Gehirn dafür zuständig sind, sind bei ihnen blockiert bzw. werden von anderen Wahrnehmungen überlagert.

So sehr man es sich auch wünscht: durch Gespräche, Apelle oder Drohungen lässt sich diese Problematik allein nicht auflösen.

Die Ursache dieser emotionalen Versehrtheit liegt in der eigenen Kindheit der Eltern. Eigene schlimme und/oder als lebensbedrohlich empfundenen Situationen können zu einer Traumatisierung führen, die eine Unfähigkeit auf seelische Bedürfnisse anderer einzugehen nach sich zieht.

Dazu zählen z.B. Kriegs-und Fluchterfahrungen, Gewalt in der Familie, emotionale Vernachlässigung (z.B. „schreien lassen“, soziale Kälte) oder Suchterkrankungen der Eltern.

Allerdings können Traumatisierungen auch über Generationen weitergegeben werden, so dass die 3. oder 4. Generation vielleicht gar nicht mehr weiß, wo die ursprünglich traumatische Erfahrung stattgefunden hat. Eine transgenerationale Weitergabe von Traumata geschieht genau über das „nicht angemessene Reagieren“ auf die Bedürfnisse des eigenen Kindes.

Sorge für dich, damit es dir gut geht

Endlich selbst erwachsen, können sich die Betroffenen manchmal gar nicht erklären, warum sie sich fühlen, wie sie sich fühlen. „Ich habe doch alles gehabt“ oder „meine Eltern haben alles für mich getan“ sind Ausdruck für den Wunsch nach gesunden Eltern. Dieser ist nachvollziehbar und umso schwerer ist es, sich einzugestehen, dass die eigenen Eltern ein Problem haben, dass man nicht mehr bereit oder in der Lage ist weiter zu(er)tragen. Denn nicht selten haben die jetzt jungen Erwachsenen Aufgaben für die Eltern übernommen oder durch große Anstrengungen die Beziehung aufrecht erhalten

Wenn du Eltern hast, die emotional nicht immer gut für dich sorgen konnten, sind meiner Meinung nach zwei Dinge für dich wichtig zu verstehen:

  1. Deine Eltern haben ihr Bestes gegeben, sie konnten bzw. können nicht anders.
  2. Ab sofort darfst und musst du selbst für dich sorgen.

Vor einer Weile schrieb ich hier darüber wie man üben kann selbst gut zu sich zu sein. Ein wichtiger und schwerer Schritt für Menschen mit emotional versehrten Eltern ist das entlassen der Eltern aus der Elternrolle. Alles, was sie geben konnten, haben sie gegeben. Wenn das nicht viel war, dann ist das ein Hinweis darauf, wie schlimm ihre eigenen seelischen Narben sind. Das ist keinesfalls eine Entschuldigung. Das ist lediglich eine rationale Erklärung für einen Sachverhalt, aus dem man sich befreien kann.

Ein Ende kann ein Anfang sein

Ein Kontaktabbruch ist meistens leider keine richtige Lösung. Aber es kann ein guter Schritt sein, um zu sich selbst und zur Ruhe zu kommen. Das Problem ist allerdings, dass ein Kontaktabbruch alleine dich nicht davor schützt, dass du familiäre Traumata weitergibst. Und du selbst kannst es unter Umständen nicht einmal erkennen, wenn es dir passiert, so wie deine Eltern nicht sehen können, was sie dir weitergegeben haben. Bei schlimmen seelischen Verletzungen aus der Kindheit ist es sinnvoll Hilfe anzunehmen. Eine außenstehende Person kann dich unterstützen, deine Verletzungen anzuerkennen und zu heilen.

 

3 Kommentare bei „Über emotional versehrte Eltern und Kontaktabbruch“

  1. […] und Kinder bekommen, kann es passieren, dass sich unsere Geschichte wiederholt. Das kann besonders mit Kapiteln unseres Lebens passieren, die wir als nicht besonders schön empfunden haben und eigentlich nie wieder hören/sehen/erleben wollten. Unsere Kinder sind für uns aber […]

  2. […] Wenn Kinder nicht emotional nicht ausreichend genährt werden, kann das zu inneren Konflikten im Erw… […]

  3. […] Die Vorstellung von nötiger Härte in der Erziehung, der sogenannte „harten Hand“ oder „klarer Kante“ treibt heutige Eltern um. Es ist unglaublich wichtig, die eigenen Erziehungserfahrungen anzuschauen und anzuerkennen, denn wirklich viele von uns sind mit ähnlicher Haltung erzogen systematisch traumatisiert worden. […]

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