Über das Grenzen austesten oder: Wenn Kinder uns fragen, wer wir wirklich sind

Ich bin keine Frühaufsteherin. War es nie und werde es vielleicht auch nicht mehr werden. Als ich noch kein Kind hatte, musste ich oft früh aufstehen, da ich lange Arbeitswege hatte. Damals war ich ein ausgesprochener Morgenmuffel, am besten hat man mich die erste Stunde ganz in Ruhe gelassen.

Jetzt habe ich ein kleines Kind. Dieses Kind kann es morgens kaum erwarten, endlich aus dem Bett zu springen und den Tag freudig zu begrüßen. Kaum wach, hat dieses Kind tausend Fragen, Ideen und Ansprüche.

Um ihm gerecht zu werden, versuche ich sehr diszipliniert mein Morgenprogramm abzuarbeiten. Nichts besonderes: Aufstehen, ein Frühstück zubereiten, anziehen etc (für mich aber nicht immer leicht). Meistens klappt das ganz gut. Neulich jedoch ging es mir morgens nicht so gut und ich war vermutlich ziemlich wortkarg. Der Sohn sprang aber schon wie üblich munter in der Gegend herum und nach einer Weile fing er an sich zu langweilen. Daraus entwickelte sich dann ein Konflikt zwischen uns: Er war aktiv und wollte Impulse und  Ansprache und ich war in mich gekehrt und sehnte mich nach Ruhe. Schließlich wurde er hibbelig und fing an lauter Dinge aus den Regalen zu ziehen und schien überhaupt nicht mehr darauf zu hören, dass er das bitte lassen sollte, das Frühstück sei ja gleich fertig und solange könnte er ja mal noch warten…

Bevor die Situation eskalierte, fiel mir ein Satz ein, den ich Eltern schon oft gesagt habe:

Wenn Kinder ihre Grenzen austesten,fragen sie uns eigentlich, wer wir sind.

Was ich damit meine ist, dass Kinder ein feines Gespür dafür haben, ob wir authentisch reagieren oder nicht. Und meine Erfahrung ist auch, dass es die Lage entspannt, wenn wir kurz innehalten und mit uns selbst in Kontakt kommen. Und über den Kontakt mit uns selbst können wir auch mit dem Kind wieder in Kontakt gehen. Wir entsteigen so der Spirale von Aktion und Reaktion.

Ich stand also am Herd und versuchte herauszufinden, was ich jetzt gerade wirklich möchte und spürte plötzlich, dass ich hin-und hergerissen war zwischen dem Wunsch wieder ins Bett zu gehen und mich zurückzuziehen und dem Wunsch meinem Kind und mir ein verlässliches Morgenritual zu bieten bzw. vorzuleben. Ich lebte in diesem Moment mein Morgenritual also nicht von innen heraus. Als mir das klar wurde konnte ich mich entscheiden: Ich entschied mich dafür, dass ich es richtig finde, dass ich jetzt das Frühstück zubereite, wie jeden Morgen und dass wir uns gleich zusammen an den Tisch setzen würden.

Und mit dieser neuen Klarheit konnte ich plötzlich ganz anders auf meinen Sohn zugehen. Meine Energie floß nicht mehr in meine Zerrissenheit sondern in meine Entschlossenheit gegenüber meiner Pläne. Das veränderte natürlich nicht das Verhalten meines Sohnes an sich, aber sobald ich mit mir im Reinen war, konnte ich mich wieder auf ihn einlassen und ihn unterstützen seine Gefühle zu ordnen. Ihm war langweilig und weil ich meine Gefühlssituation geklärt hatte, konnte ich seine Gefühlssituation besser sehen und damit umgehen. Ich erklärte ihm noch einmal, dass das Frühstück nicht mehr lange dauert und dass er jetzt so lange noch warten muss ohne die Regale auszuräumen. Mein Gefühl zu der Situation hatte sich aber grundlegend geändert und so konnte ich wieder für ihn da sein.

Es geht nicht um „richtig“ und „falsch“

Es geht nicht darum, ob das was man macht richtig oder falsch ist. Es geht darum, ob wir fühlen was wir machen. Oder vielleicht kann man auch sagen, ob wir dahinterstehen.

Wenn unsere Kinder also mal wieder richtig ihre Grenzen austesten, können wir uns fragen: Bin ich das gerade? Stehe ich gerade hinter dem, was ich meinem Kind gegenüber vertrete? Was möchte ich?

 

Ein Kommentar bei „Über das Grenzen austesten oder: Wenn Kinder uns fragen, wer wir wirklich sind“

  1. […] Wenn Kinder nachfragen- Ein persönlicher Erfahrungebericht […]

Schreibe einen Kommentar