Wo sind deine Baustellen?

Vielleicht kennt ihr die Situation, die mir neulich widerfuhr: Bei einer Person aus meinem Bekanntenkreis merkte ich vor einer ganzen Weile eine Veränderung. Sie hatte nicht mehr so viel Zeit, wirkte beschäftigt und verschlossen aber gab nicht zu erkennen, dass es ihr schlecht ging oder sie irgendein Problem hatte. Ich war drauf und dran die ganze Situation auf mich zu beziehen: Mochte sie mich plötzlich nicht mehr? War etwas mit mir nicht ok? Stand etwas zwischen uns, sollten wir mal miteinander reden? Ich entschied mich (auch aus Unsicherheit) die Situation einfach hinzunehmen und mich nicht weiter damit zu beschäftigen. Vielleicht kann man auch sagen, dass ich losließ und darauf vertraute, dass sich schon wieder alles zum Guten entwickeln würde.

Und was soll ich sagen? Vor ein paar Tagen erzählte sie mir von einem Konflikt, den sie seit einiger Zeit mit ihren Eltern austrug und wie sehr sie die ganze Situation belastet. Plötzlich machte alles Sinn. Es war entlastend für mich, endlich über die eigentliche Problematik sprechen zu können (auch wenn es da außer Zuhören für mich nicht so viel zu tun gab). Für mich  war es, als lichtete sich ein Nebel um uns beide herum und ich konnte meine Freundin endlich wieder klar sehen.

Reiße keine Mauern ein, von denen du nicht weißt, warum sie errichtet wurden!

Im Nachhinein bin ich unglaublich froh, dass ich das Thema nicht angesprochen habe. Ich hätte womöglich einen Konflikt provoziert, wo eigentlich gar keiner ist: Nämlich zwischen uns beiden. Stattdessen habe ich es irgendwie geschafft ruhig zu bleiben und konnte somit für das eigentliche Problem meiner Freundin offen sein. Und zwar dann, wenn sie bereit ist darüber zu sprechen. Und aus der Beratungssituation weiß ich, dass der Moment, in dem eine Person bereit ist, ihr Problem auszusprechen, ein sehr wertvoller ist.

Wie Kinder sich fühlen mögen…

Die Geschichte handelt von zwei Erwachsenen, die sich auf Augenhöhe begegnen. Ich habe ein eigenes Leben und kann mich problemlos darauf zurückbesinnen. Trotzdem waren da die Zweifel, ob es an mir liegt oder ob ich etwas falsch gemacht habe. Tatsächlich hatte die Veränderung meines Gegenübers den Ursprung in seinem Inneren. Es hatte einfach nichts mit mir zu tun und konnte trotzdem etwas in mir auslösen. Das liegt daran, dass wir alle keine in uns abgeschlossenen Systeme sind. Wir sind alle irgendwie miteinander verbunden. Wir sehen Dinge in anderen und verknüpfen sie mit alten Erfahrungen.

Das trifft natürlich auch auf unsere Kinder zu. Wenn wir mit etwas sehr beschäftigt sind und darüber nicht sprechen, kann das Kinder verwirren. Es geht natürlich nicht darum, inhaltlich alles mit seinen Kindern bis ins Kleinste zu besprechen. Das ist häufig weder nötig noch sinnvoll. Vielmehr geht es darum, die eigenen Gefühle zu benennen und somit einen Umgang damit finden zu können. Manche von uns nehmen das oft gar nicht so wahr, wie sehr sie mit etwas beschäftigt sind. Vielleicht haben wir gelernt, dass man mit seinen Problemen alleine klar kommen muss, oder wir glauben, dass das schon nicht so schlimm ist.

Die Erfahrung zeigt aber, dass gerade das Unausgesprochene Kinder oft sehr belastet. Durch das „nicht drüber reden dürfen“ können sogar schwerwiegende Traumatisierungen entstehen. Wenn man als Kind etwas spürt und die Resonanz des Erwachsenen ein Abwiegeln ist, ist es zumindest jedoch sehr irritierend.

Die eigenen Gefühle- eine große Herausforderung

Den gesunden Umgang mit (schwierigen) Gefühlen kann man lernen und üben. Und: es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen! Heute ist ein guter Tag, um anzufangen deine Gefühle und deine Baustellen ein bisschen bewusster wahrzunehmen. Du kannst dir ganz einfach die Frage stellen:

Wo sind meine Baustellen?

Wie fühle ich mich gerade?

Was ärgert mich?

Warte ab, was passiert und akzeptiere es. Auch diese Gedanken und Gefühle gehören zu dir. Sie machen dich vollständig und ganz zu der Person, die du bist…

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